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Die Natural-Order-Hypothese – ein Plädoyer für Lehrwerke nach dem GER

 

Vortrag Thielmann – eine kritische Betrachtung

 

von Marion Grein


Auf der FaDaF hielt Prof. Thielmann einen fulminanten, rhetorisch perfekten Vortrag über die Erwerbsequenzen beim Erwerb! der Grammatik und übertrug dies auf den Bereich des Fremdsprachenlernens von Erwachsenen. Zunächst: es war ein Vergnügen dem Vortrag zu lauschen. Er bezog sich dabei auf vorhandene Studien zu den natürlichen Grammatikerwerbssequenzen bei Kindern, die – wie in der Linguistik häufig – hierarchisch aufgebaut sind. Dieses Phänomen wird im Bereich der Sprachtypologie sehr häufig verwendet, also z.B.: wenn eine Sprache einen Plural hat, dann hat sie auch einen Singular; wenn in einer Sprache das Verb mit dem indirekten Objekt kongruiert, dann auch mit dem direkten und dann auch mit dem Subjekt. Herangezogen wurden dann die natürlichen Erwerbssequenzen nach Clahsen, Meisel & Pienemann (1983) und die Bestätigung auch für den schulischen Bereich die Studie von Diehl et al. (2000).

Erika Diehl (o.J.: 3)1 schreibt:

Diese Frage ist im Grunde seit mindestens zwanzig Jahren akut, seit in der Spracher-werbsforschung die Hypothese aufgestellt wurde, die Grammatik von Fremdsprachen (= L2) würde auf analoge Weise erworben wie die der Mutterspache (= L1), nämlich in einer geordneten Abfolge von Erwerbsphasen, deren keine übersprungen werden könne; und dies gelte nicht nur für die "natürlichen", ungesteuerten Erwerbsformen, sondern auch - und damit wird die Hypothese für den Fremdsprachenunterricht brisant - für den gesteuerten Erwerb, also für das Fremdsprachenlernen in der Schule. 



Wer war die Zielgruppe der DIGS-Studie? 
Schüller*innen von der 4. Klasse bis zum Abitur, d.h. die Studie wurde im schulischen Umfeld durchgeführt. Was heißt das? Die Schüler*innen begannen mit dem „Unterricht“ im Alter von ca. 9-10 Jahren und es handelte sich um eine konsekutive Studie, also alle Schüler*innen, die ihren „Unterricht“ jeweils in der Schule begonnen haben. 


Was heißt das nun konkret?
Man sollte den Fremdsprachenunterricht in der SCHULE eventuell der „natürlichen“ Reihenfolge anpassen, wobei auch Kinder kommunizieren möchten und vielleicht nicht auf die eine oder andere „Grammatik“ verzichten möchten. Es muss der, von den Verlagen inzwischen durchaus eingesetzte Ansatz des „chunkings“, vielleicht gerade im schulischen Bereich intensiviert werden, wobei die Forderungen nach mehr und motivierendem Input m.E. einen sehr viel größeren Einfluss haben als die Berücksichtigung der Erwerbsreihenfolge bei Erstspracherwerbenden – und: weitere Kritik oder Denkanstöße folgen!


Was heißt
das nun aber für das Fremdsprachenlernen von älteren Lernenden (ca. ab 16 Jahren)?
Ehrlich gesagt: NICHTS. Zum einen lernen Erwachsene ab 16 Jahren seit vielen Jahrzehnten sehr erfolgreich mit dem nach dem GER entwickelten Lehrwerken, die durchaus sehr viel chunking integriert haben. Nichts spricht natürlich dagegen, auch bei älteren Lernenden zu überprüfen, ob sie mit einem Lehrwerk mit „natürlicher“ Erwerbssequenz noch besser oder schneller Deutsch lernen würden. Ich würde das aber keinem Verlag anraten – und die Begründung folgt:

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